Freitag 22. Juni 1973 New York

 

Uniondale, Long Island New York, Nassau Veteran Coliseum

 

Jackie Kahane eröffnete das Vorprogramm gegen 20:30 Uhr das Vorprogramm, gefolgt von den „Sweet  Inspirations“.   Dann folgte eine 15 minütige Pause, während der die TCB-Band ihre Instrumente anschließen und stimmen konnte. Elvis  selbst   traf  erst  zwei  Minuten  vor  Ablauf  der  Intermission time in der Halle ein. Fertig geschminkt  und  im Bühnenanzug. Für seinen ersten Auftritt hier in Uniondale hatte er sich für den „Today-Suit“ entschieden. Im Coliseum erloschen die Lichter.   Fast jeder hier hatte Elvis erst wenige Wochen zuvor bei der u. s. Ausstrahlung des „Aloha“ Specials im Fernsehen gesehen.  Würde Elvis auch in Wirklichkeit so aussehen, wie in Fernsehen?  Die Zuschauer würden die Lösung bald bekommen, denn das "2001" Thema erklang und ging schlagartig in einen prasselnden Trommelwirbel über. Und dann war Elvis plötzlich da.  Angestrahlt von einem Scheinwerfer betrat er die Bühne wie ein Gott.  Es war genau 21:44 Uhr, als er zum ersten Mal an diesem Abend vom unbeschreiblichen Begeisterungslärm ertränkt wurde.

 

Er war noch nie in dieser Halle gewesen. Er wirkte unsicher, sah sich auf der Bühne um, während er die Zuschauer begrüßte, die sich für ihn unsichtbar hinter dem gleißenden Licht der Scheinwerfer versteckt hielten.  Nur ihre Begeisterungsschreie drangen zu ihm auf die Bühne hoch. Charlie Hodge kam aus der anderen Ecke der Bühne auf Elvis zugelaufen, um ihm die schwarze Gitarre zu überreichen, mit der Elvis alle vier Konzerte hier in Uniondale bestreiten würde.

 

Fast eine Stunde lang war die Zeit angehalten, der Alltag vergessen.  Die Show begann mit dem mittlerweile gewohnten "C.C.Rider", einem Rocker, der dem Publikum gleich richtig einheizte. Als Elvis gegen Ende des Liedes immer wieder“..I said See C.C. Rider" wiederholte, brauchte er nur ab und  zu mit dem Knie zu zucken und die Zuschauer wurden fast verrückt.   Nach dem ersten Song war klar; Elvis hatte New York unter Kontrolle!

 

Ein lang gezogenes „Well“ setzte das Programm fort.   Und allein das genügte schon, um die Menge in Begeisterungsstürme ausbrechen zu lassen. Elvis stand auf der Bühne, beobachtete was sein „Well“ ausgelöst hatte und grinste nur.   Dann schob er ein Zweites „Well" hinterher und sofort schloss sich ein Medley aus „I Got A Woman“ und dem Kirchenlied "Amen" an.   Eine wahrlich eigensinnige Mischung für ein Medley; Rock n Roll und Gospel.   Doch es war ja gerade die Fähigkeit, verschiedene Musikstile zu verschmelzen, die ihn berühmt gemacht hatte.  Am Ende des Medleys gab J.D. Sumner eine Kostprobe seiner unglaublichen Bassstimme, indem er das letzte „Amen“ stimmlich so tief runterzog, dass das ganze Coliseum vibrierte.  Mit einer letzten Zeile von „I Got A Woman“ beendete Elvis dann das Medley und begrüßte dann das New Yorker Publikum:

 

"Guten Abend, meine Damen und Herren. Es tut gut, wieder hier zu sein. Ich hoffe, sie genießen unsere Show heute Abend.   Ich möchte gerne ein bisschen von ‘Love Me Tender' singen".

 

Man merkte deutlich, dass er an diesem ersten Abend irgendwie noch etwas unsicher war. Er musste erst ausfindig machen, wie das Publikum in dieser Großstadt auf ihn reagierte. Doch bereits im Laufe des angekündigten Titelliedes seines  ersten  Kinofilmes  kristallisierte  sich  das  heraus. Es wurde klar, dass er von 16.500 FANS umgeben war.  Eine außergewöhnliche Bewegung genügte, um bei den Zuschauern unglaubliche Reaktionen hervorzurufen. Während dem Song  begann er damit, hin und  wieder einen seiner begehrten Schals in die Menge zu werfen. Und alleine das verwandelte das Gebiet vor der Bühne in einen Kriegsschauplatz.

Der erste aktuellere Song der Show stand an. Mit einem „Thank you" leitete Elvis von „Love Me Tender“ direkt zu „Steamroller Blues“ über. Eine fantastische Interpretation, knallhart durchgesungen.   Relativ wortkarg, mit einem knappen: „Thank you.  Thank  you very much.   You're a good audience", setzte Elvis das Konzert fort.   Es folgte „You  Gave Me A Mountain".  Die beiden letzten Titel waren damals erst wenige Wochen zuvor auf dem „Aloha From Hawaii“ Doppelalbum der RCA erschienen und gehörten damit zum neuesten, was Elvis’ Repertoire zu bieten hatte. Während dieser Sommertournee des Jahres 1973 schien sich fortzusetzen, was im Jahr 1972 begonnen hatte.   Elvis redete nicht mehr sehr viel während seinen Auftritten.   Seine Shows waren relativ kurz, manchmal nur unwesentlich länger als eine Dreiviertelstunde.   Und er  versuchte immer in dieser  Zeit möglichst  viele  Songs zu bringen.

 

"Danke. Ich möchte gerne ein Medley aus einigen meiner Songs bringen". Nach zwei aktuellen Songs hieß es nun also wieder zurückzugehen in die Zeit, in der jeder Song, den Elvis interpretierte, automatisch zur "Goldenen Schallplatte" wurde. Er begann seinen Streifzug durch die Superhits von damals mit "Love Me". Hierbei verteilte er wieder einige, wenige Tücher. Die Begeisterung der Fans entbrannte jedes Mal schlagartig, wenn er zu nah an den Bühnenrand kam.   Und trotzdem kann man sagen, dass bei den Shows des Jahres 1973 alles noch recht gesittet ablief.   Ab und zu preschte zwar auch hier in Uniondale mal eine Horde Frauen Richtung Bühne, um zu ihrem ‘Traummann vorzustoßen, aber das waren Sachen, mit denen die Sicherheitsbeamten leicht fertig wurden.

Nach „Love Me“ fetzte Elvis durch „Blue  Suede  Shoes", und dann sofort mit irrsinniger Geschwindigkeit durch ein Rock-Medley  bestehend  aus "Long Tall  Sally",   "Whole Lotta Shakin'   Going On",   "Mama Don't  Dance", "Flip Flop & Fly",   "Jailhouse Rock"  und  einer  nochmaligen Strophe  von "Uhole Lotta  Shakin'   Going On".  Den Fans war  sofort  aufgefallen,   dass Elvis dieses Medley  bis  jetzt  eigentlich  immer  nur  bei   Showroom  Engagements gesungen hatte.   Erstmals  brachte  er  es nun also auch im Tourprogramm. Und die Zuschauer  nahmen die zusätzlichen Rock   'n'   Roll  Songs mit Begeisterung auf.

 

Erneut  ging  es  dann  zurück in  das  Liedmaterial  der  70er  Jahre.   Elvis hatte  sich  in  diesem  Sommer  an  einen  Titel  aus  dem Jahr   1971   erinnert. Es war  "I'm Leavin'. "Danke Ladies & Gentlemen. 'Bridge Over Troubled Water'".  Noch  immer waren seine Ansagen kurz und knapp.   Glen Hardin begann sofort    mit  dem Klavierintro  zu  diesem großen Hit  des Gesangsduos  Simon & Garfunkel. Was folgte, stellt  wohl den Höhepunkt der Show dar.  Elvis sang  "Bridge",  wie  er  es  immer nur kurz nannte, mit hervorragender Stimme. Sofort nach  "Bridge" erlosch das  grelle  Scheinwerferlicht auf  der Bühne  und Elvis wurde eingehüllt vom  schummrig  roten  Licht  eines  Spotlights. Es folgte „Fever“  niemals  würden  Elvis' 70er Versionen die  besondere Atmosphäre  des Originals erreichen.  Das wusste Elvis.   Er  hatte den  Song  zur Comedy-Nummer  umfunktioniert.  Bei jedem Trommelschlag des Liedes hauchte  oder  schrie er  sein  "Fever"  ins Mikro und wackelte  dabei  heftig mit  den Beinen,   als wären diese aus Gummi. Das Amüsement  über  Elvis'   Veralberung  seines  einstigen  Images   brachte die Leute  im Coliseum zum Überschäumen. Es  schien,   als hätte die musikalische Entwicklung  des Elvis Presley  bereits  ein Ende  gefunden.   Keiner  in dieser Halle  schien  interessiert an neuen Elvissongs.   Es  gab keine Zwischenrufe,   die nach seinen neuesten  Single-Veröffentlichungen wie "Separate Ways"  oder   "Always  0n My  Mind"   verlangt  hätten. "Fever"  war da  ALLEN im Coliseum lieber.  Man merkte das  deutlich,   als  Elvis  nach  "Fever"  zu "What Now My Love"  überging.   Die wilden Publikumsreaktionen erloschen fast gänzlich.  Und wenn die Fans schon mal  vor Begeisterung  aufschrien, dann war  das  nicht wegen dem Lied,   sondern weil  der King wieder  einmal eines seiner  seidenen Tüchlein in die Menge geworfen hatte.   Den  dann doch recht starken  Beifall  bekam "What Now My  Love" nur aufgrund  des beeindruckend stimmgewaltigen Endes,   das Elvis  zum Erschaudern  gut brachte.

 

"Danke.  Vielen Dank meine Damen und  Herren.   Sie sind  ein  gutes Publikum" Mehr wollte Elvis heute wohl  nicht  sagen.   Aber  die Anfangsakkorde von "Suspicious Minds",   die sofort  nach der Ansage  erklangen,   sagten ohnehin mehr als alle Worte. Es war Zeit  für  die Vorstellung  der Band:   "Ladies & Gentlemen..ich möchte  sie gerne mit  den Mitgliedern meiner Gruppe  bekannt machen. Zuerst hier auf  der  linken  Seite..J.D.   Sumner und  das   'Stamps Quartett'. Die jungen Ladies,   die  die Show heute Abend  eröffneten. .die   'Sweet Inspirations'.   Das Mädchen mit  der wunderschönen hohen Stimme,   ist  Kathy Westmoreland.   An der  Lead  Gitarre ist  James Burton.   Rhythmus Gitarre spielt John Wilkinson.  Und  am Schlagzeug  ist Ronnie Tutt.  Am Bass  ist Emory Gordy .   Am  Piano  ist..Glen  Hardin.   Der  Junge,   der  mir  meine  Tücher und mein Wasser  reicht..er  ist auch meine   'Zweite  Stimme'..sein Name ist Charlie Hodge.  Unser  Dirigent  Ladies & Gentlemen..aus Las  Vegas..es ist Mister Joe Guercio. Und  das  fantastische Joe Guercio Orchester. Vielen Dank.   Ich möchte ihnen  gerne  etwas  sagen.   All  ihr  Leute da  draußen habt im Regen ausgeharrt.   Das war  wirklich großartig  von euch  und  ich möchte euch dafür  danken.   Ah,   und..ihr  seid  ein Publikum,   für  das  es wirklich Spaß macht  zu arbeiten.   Neulich haben wir eine Fernsehshow in Honolulu gemacht,   deren Titel   'Elvis via  Satellite'   war.  Und  da gibt  es einen Song,   den  ich  gerne  singen möchte".

 

Regelmäßige Konzertbesucher wussten genau,  was jetzt  kam.   Glen gab mit einem wunderschönen Klavierintro  den Einstieg  in  "I'll Remember You". Elvis  brachte  das heute einfach  super.  Er sang  so  gefühlvoll,   dass es schon bald  ganz  still  im Veterans  Coliseum wurde.   Die  Worte   `in  the summer  is gone'   in der  ersten Strophe,   hauchte  er mit  tiefer, trauriger Stimme  ins  Mikrofon.   Das  Publikum war  ganz   ergriffen.   Doch  am  Ende holte  Elvis  die  Fans  recht   schnell  wieder  in  die  Realität  zurück:   "Wisst ihr, was  ich nicht  tun kann"?

 

"I  Can't  Stop Loving  You"  ("Ich kann nicht  aufhören,   euch zu lieben") war  die  spontane Antwort,   die Elvis auf seine  eigene Frage  parat hatte. Er  sang  dieses  Lied  unter  dem nicht  enden wollenden  Jubel  der Anwesenden.   Und  als  er  zu der   letzten  Zeile:"..in  dreams  of  yesterday"  kam, da zog er  die Worte mit  akrobatischer  Stimme  in  die Länge.   Allein  das Wort 'yesterday'   streckte  er  auf  ganze  17 Sekunden!

 

Der  Beifall  wurde jetzt,   nach  der  Bandvorstellung,   wesentlich euphorischer.  Was  in dieser Begeisterung jetzt noch  fehlte,  war  etwas patriotisches.   Und  das  bot  Elvis ihnen  genau im richtigen Zeitpunkt mit der "American Trilogy".  Wenn  es außer  "Bridge Over Troubled Water"  in dieser Show noch  einen  absoluten Höhepunkt  gab,   dann  war  es  dieses  Lied. Die Tatsache,   dass  kein anderer amerikanischer  Künstler  dieses Medley jemals in  sein Programm aufnahm,   beweist,  dass  es  ein Lied  speziell  für Elvis' Darbietungskraft  war. Dieses Lied  konnte kein Engelbert  und auch kein Frank Sinatra  so  interpretieren. Dazu  brauchte  es  einfach  einen Elvis Presley!

 

Noch einmal  legte Elvis Kohlen nach.  Das Publikum  klatschte  noch lange Beifall  für  die  "Trilogy",   als Elvis  bereits  durch  einen weiteren seiner  Rock   ' n '   Roll Hits  stürmte.   Es war  "A Big Hunk 0'   Love".  Wer das "Aloha From Hawaii"  Special  gesehen  hatte,   konnte  ahnen, dass  sich die Show ihrem Ende  neigte.   Doch Elvis  ließ  sich  nicht  beirren und legte noch  einmal  voll   los.   Nach  der  ersten  Strophe"  brüllte  er   "Piano" und Glen Hardin schlug  ein  Solo auf  die Tasten,   das  sich  gewaschen hatte. Nach  der  zweiten  Strophe  gab  Elvis  dann James Burton an  der Gitarre ein Zeichen  und auf  seinen Zuruf  hin  zupfte James  die  Saiten,   als wäre der Rock  ' n '  Roll Teufel  hinter  seiner  Seele her.   Und während  Ronnie Tutt das  Lied  mit   einem  Schlagzeugwirbel   beendete,   warf  Elvis  einen einzigen Schal  ins  Publikum.   Ein Schrei  ging durch die Halle,   als würde die Welt untergehen. Elvis'   Stimme  das Getöse  der Menge: "Ihr  seid  ein fantastisches Publikum. Vielen Dank.  Danke» Ein  Song  von   'Blue Hawaii'".

 

Es war  das  unweigerliche Ende  der  Show.   Charlie Hodge  stand während diesen letzten Sätzen hinter Elvis  und  legte  ihm ein  zum  "Today" Anzug passendes  gelbes  Cape an,   Allen  im Nassau Coliseum war klar,   was  das bedeutete.   Und  schon  begann  die  Band  mit  dem  traditionellen Abschluss Lied "Can't  Help  Kalling  In Love". Elvis  schüttelte  zum letzten Mal  die Hände, die sich  ihm an der Bühnenkante  entgegenstreckten. Als  das  Closing Thema dann  erklang,   verbeugte er  sich  erleichtert.   Das kritische New York hatte  ihn mit  offenen Armen empfangen.   Dankbar  kniete  er  sich auf den Bühnenboden und mit  einem Ruck drehte er  sich plötzlich  um,   und man konnte das  reich verzierte Cape  bewundern.  Was  für  ein Anblick.   In diesen Sekunden konnte man  Eindrücke sammeln,   die man  sein Leben  lang nicht vergaß. Festhalten konnte man  diese Eindrücke nicht,   denn es war dies  eine der Tourneen,   während  der  nicht  nur Aufnahme.-  und Filmverbot, sondern auch striktes  Fotografier verbot  herrschte.   Kein Mensch weiß warum.   Die Fans und  die Presse mokierten sich darüber.  Aber  der Colonel  bestand darauf, dass  es  bei  dieser Tour keine Fotos  geben würde.

 

Während Elvis  auf  der Bühne  einen  letzten Blickkontakt  mit  der Menge suchte,   schrien erwachsene Frauen hysterisch  "Elvis  don't  go, don' t go". Aber  es half  nichts.  Um genau  22:30 Uhr, mitten während  dem "Closing Thema"  erloschen die Saallichter  plötzlich für  ca. 60  Sekunden. Als sie wieder an  gingen,  war Elvis,  mitsamt  der  schwarzen Limousine, die am Hintereingang  gewartet hatte,   verschwunden. Nach 46 Minuten Show!

 

 


 

 

 

 

                                                                                                                                                                           (c) 1995 -  2017  Andreas Stecker