Las Vegas, Nevada Freitag 21. August 1970 Dinner Show im Schowroom Internationale

 

Elvis ging, vom Licht des Scheinwerfers begleitet, quer über die ganze Bühne zu Charlie Hodge hinüber, um sich dort die Gitarre abzuholen. Dabei verbeugte er sich andeutungsweise zur Begrüßung. Der Schalk saß ihm im Nacken.  Jeder seiner spitzbübigen blicke verriet das und kündigte einen unterhaltsamen Abend an.

 

Mit der Gitarre ausgerüstet hatte er schnell den Weg zu seinem Mikro in der Bühnenmitte gefunden.  Nervös mit Knie und Fingern wackelnd, stürzte er sich ins erste Lied der Show. Es handelte sich um "Thats All  Right". Elvis sang mit kehliger Stimme eine starke Version dieses Liedes, mit dem für ihn seine kommerzielle Karriere einst begann. Schon jetzt zu Beginn des Konzertes wurde aber auch klar, dass auch die Band mit Drive und Power dabei war.  Modern und zeitgemäß dominierte unter anderem der bissige Sound von James Burtons Gitarre und das anpeitschende Schlagzeug von Ronnie Tutt das Arrangement.  Der Applaus nach dem Eröffnungslied sprach Bände.  Das war genau das, was die Leute hier erwartet hatten! "Danke, das war die erste Aufnahme, die ich je aufgenommen habe. Hmmm, well,  well,  well,   well,  well,  well,  wehehell.  Ha,  well  I  said I  gotta woman..",  Nach  einigen   'well's und  einem grinsenden Blick  zu den "Sweet Inspirations",   stürzte sich Elvis  sofort  in  "I Got A Woman",   einem weiteren Hit  aus  einer  seiner  früheren Sessions. Es  schien,   als  ob  Elvis  vor lauter Power  gar  nicht mehr anhalten konnte.   Doch  plötzlich hielt  er  inne. Nach einigen  "..well,   that's just  all  right,  well  that's just  all right" hörte die Band  schlagartig  auf  zu  spielen.   Von purem Rock zur absoluten Stille  in einer  Sekunde.  Fanschreie  durchdrangen den Showroom. Elvis .stand nur auf  der Bühne und hielt  sich am Mikrofonständer  fest,   die Gitarre nach wie vor wie ein Gewehr  im Anschlag.   "Ahhh"  krächzte  er dreckig ins Mikro.  Ein verzweifeltes Mädchen rief:"Oh,   baby",   aber Elvis erwiderte nur cool:"Hang loose  baby,   in einer Minute werde ich bei  dir  drüben sein". Der  auf  diese Äußerung  folgende Aufschrei  des Publikums wurde  erstickt in einer  letzten abschließenden bluesigen Textzeile  "Ah gotta woman, way cross  town she's  good  to me yeah,  yeah,  yeah,  yeah". Das Orchester  und die Band setzten ihr   'da,   da,   da'   drauf  und  der  zweite Fetzer  der  Show war zu Ende.  Das Publikum war begeistert!

 

"Danke!   Über  die  zweite Aufnahme, die ich  gemacht habe..zu dieser Zeit damals wusste noch niemand  so  richtig wer  ich überhaupt war. So, das war keine wirklich große Aufnahme  (Elvis  zeigt mit  den Händen,  wie  groß die Platte damals war.  Gelächter  des  Publikums).   Sie hieß   'Tiger Man'. (In diesem Moment  trank Elvis einen Schluck Wasser, räusperte sich und steigerte dieses räuspern,   bis er  sich wie  ein Motorrad anhörte)  Ja, so knurren Tiger.  Die machen rrrhh.   Klar Leute.  Miau..schscht,   so machen die kleinen,   niedlichen Tiger.  Was wollte ich jetzt  eigentlich machen? Hey ihr  oben in den Balkonen,   ihr könnt  ruhig  cool  bleiben.  Gebt mir noch ei¬ne Chance hier mein Frühstück anzurichten, dann komme  ich in einer Minute in die Gänge.  Ah..was  ist  denn mit  euch da drüben los  (Womit  er die Sweet  Inspirations meinte,   die  sich am rechten Bühnenrand köstlich über Elvis' lockere Art amüsierten). Ihr wollt  doch nicht,   dass ich euch ab morgen durch  die   'Supremes'   ersetzen  lasse, oder"? Noch immer mit  seiner Gitarre um die  Schulter,   begann  er  in diesem Augenblick das  Intro  zu Tiger  Man.  James Burton setzte sofort mit  ein. Auch hier wieder  der  dumpfe,   aggressive Klang  der  Instrumente,   der diese Lieder wie echte Rock-Songs dieser Tage wirken  ließ.  Wie  ein Zug  in voller Fahrt  preschte der  Rhythmus das  Lied  voran.   Zwischen den Takten riss Elvis wie ein Verrückter  den Kopf  hin und  her,   unterstrichen von einer blitzartig aufflammenden Stroboskop-Lampe,   die  das alles hier wie einen Traum erscheinen  ließ.   "Tiger Man" war  kurz  und kernig.  Nach nur  1:13 Min. war  es  vorbei.   "Danke,   das war   'Tiger Man'.   Guten Abend Ladys & Gentlemen.  Willkommen hier  im Golden Nugget.   Ich bin Johnny Cash.  Früher war ich immer  Fats Domino,   aber  ich habe mein Gewicht  verloren.  Wenn ich schon hier  stehe,   lasst mich das  Ding hier nehmen  (Er meinte einen Becher mit Wasser,   der auf  einem Tisch neben Charlie Hodge  stand).   Ich hab' es schon kaputt  gemacht.  Oh oh..dich habe  ich doch gar nicht  gefragt (Trinkt einen Schluck).  Wenn ich nun hier  immer wieder  vor  und  zurück gehe, um Wasser zu trinken,  möchten sie  das  bitte  entschuldigen. Es ist  sehr trocken hier  in Las Vegas.  Und  ich muss meine Pfeife  hier  nass halten,(Ein Zuschauer  stieß  in diesem Moment, einen Pfiff aus).  Year,   so hört  sich eine nasse Pfeife  an.  Und wir wollen doch dafür  sorgen,   dass  es  so bleibt. Also werde  ich..wissen sie.,   ab und  zu    hier  rüber  gehen und Wasser trinken.  Auf  dich Charlie  (Trinkt  einen Schluck Wasser).  Wa wa wa,  wa wa wa. (Gelächter  des Publikums,  weil  Elvis sich  bei  diesen Lauten fast verschluckte).   Leute,   ich hab'   hier  oben auch noch etwas   'Gatorade'. Das hilft meinem Gator  im Fall,   dass  er müde werden sollte.  Und  das Zeug wirkt 12 mal  schneller  als Wasser.  Wenn  ich also  völlig übereilt  die Show beende und  ihr nur  noch wschschsch von mir  seht.   'Er musste  eben gehen Freunde.   Das war's'.  Hrr,  als  ich damals  in diesem Geschäft anfing,  war ich ein kleiner  süßer Junge..warte mal  eine Minute..ich war  ein kleiner, süßer Junge..und  ich hatte  eine kleine,   süße Gitarre  (Hält  eine Kindergitarre vom Jahrmarkt  in die Höhe)..das  ist  sie..ich hatte niedliche  Finger..ein paar kleine Koteletten,  wisst  ihr  und  ein zuckendes Bein..verrückt.   Da sah mich Ed  Sullivan und  sagte:"Hmm,  Hurensohn".   Ich erzähl'   das niemandem Ed.   So,   sie  brachten mich  dann  ins  Fernsehen und  sie  filmten mich von der Hüfte an aufwärts..und ah..das  ist wahr..und  dann kam ich nach Hollywood und  da machte  ich meinen ersten Film namens   'Vom Winde Verweht'.   Das Titellied  des  Filmes  ging so".

 

Die  Band  setzte mit  dem Titellied  seines  wirklich  ersten  Filmes ein, nämlich mit  "Love Me Tender".   Doch schon nach wenigen Takten winkte Elvis ab  und  die Musik stoppte  sofort:"Ja,   so  ging  das  damals.  Direkt den Abfluss  runter".  Begleitet  vom Gelächter  der Anwesenden begann die Band erneut mit  "Love Me Tender".   Aber  irgendwie war  das  nicht  das  "Love Me Tender",   das wir alle kennen.   Es war  vielmehr  zum  'Begrüßungslied' umfunktioniert worden.  Elvis sang nur wenige Textzeilen und  die veralberte er auch noch  ("You have made my  nose  turn blue",   "..for my darling.. hallo,  warst  du schon einmal  hier?  Wenn ich Mädchen küsse,  muss ich vorher  immer  ihre Partner  abchecken,   ob das  o.k.   ist..love me tender, love me  true..hallo..auf die Balkone komme ich nachher auch noch (Diesen Satz  ergänzte er mit einem schrillen:"Gebt mir mehr Kabel,   gebt mir mehr Kabel")..for my darlin'  I love  you wie  geht  es  dir?  Schön dich zu sehen und happy  birthday. . . and  I always will".

 

B.J.  Thomas  hat  eine neue Platte herausgebracht Ladys & Gentlemen.   Es  ist  ein wunderschöner Song und  den möchte ich singen.  Er heißt   'I Just  Can't Help Believin'". Es war unglaublich,  wie Elvis  in dieser Zeit  einfach jedes Lied  in absoluter Perfektion vortrug.

Ausgestattet mit  dem leuchtenden Hintergrund  der ., International Bühne und einem Wechsel  zwischen weißem und  rotem Bühnenlicht/ war Elvis völlig auf seine eigene Ausstrahlung angewiesen. Heute wirkt es lächerlich wenn man sieht,  mit welch einfachen und billigen Effekten der  größte Entertainer der Welt  damals arbeitete.  Aber  ist das nicht zugleich auch verblüffend? Die  "Sweet  Inspirations",   die Band und Elvis'   absolut  ins Ohr gehende Stimme, machten aus dem B.J.  Thomas Hit   'I Just Can't Help Believin'' im Handumdrehen  einen fabelhaften Elvis-Song.   Sofort  danach drehte sich Elvis  zu dem kleinen Tisch um,   auf dem die begehrten Wasserbecher standen.   Seine  Stimme  schien außergewöhnlich stark an der  trockenen Wüstenluft  zu leiden.  Charlie erkannte nicht gleich, dass Elvis Wasser wollte.  Und  schon gab es  einen Verweis:"Erinnerst du dich an unser Gespräch letzte Nacht Charlie?  Wenn ich mich zu dir herumdrehe..ich sagte dir,   dass ich dann als allererstes Wasser  von dir gereicht haben möchte.  Erinnerst  du dich daran? Warum macht  er  es dann nicht?  (Trinkt  einen Schluck und  räuspert  sich).  Weiß einer von euch vielleicht,  was als nächstes  dran war?   (Ein Zuschauer ruft  einen Songwunsch)  Nein,   das kommt später". Mit  diesen Worten begann das  Intro zu "Sweet  Caroline".  Erneut ein gestohlener   Song ,  aber  erneut hatte Elvis dem Lied wieder sein eigenes Markenzeichen aufgedrückt und einfach mehr  daraus gemacht.

 

Dann  erlosch  das Licht auf  der Bühne.   Nur mehr ein Scheinwerfer leuchtete Elvis'   Kopf an.  Er  hatte sich nun mit dem Rücken zum Publikum gedreht  und  seine schwarze Haare  glänzten  im Lichtkegel  des  Spotlights.   Leise  begann die Band mit  "You've Lost That Lovin' Feelin'".  Elvis  begann zaghaft  die  ersten Zeilen davon zu singen: "You never close  your  eyes  any more,   when I kiss  your  ups..".  Gespannt beobachtete das Publikum Elvis'   schwarze Hinterkopfmähne.  Das war alles, was es von  ihm sah.  Erst nach einem markerschütternden  "But  baby, baby I know it..",  kam Leben in Elvis.   Die  dunkle  Bühne war  von der einen zur anderen  Sekunde hell  erleuchtet.  Elvis  hatte sich herumgedreht und untermalt  von dem fantastischen Orchester  im Hintergrund, brachte  er eine  dramatische Version dieses Liedes.  Im Mittelteil,  während  er "Baby, baby I  get  down on my knees for  you.."  sang,   ging  er  tatsächlich auf die Knie,wobei  er  zwischen zwei Textzeilen ein amüsiertes  "The suit  is one too  tight"   ("Der Anzug ist  eine Nummer  zu klein")  aus  sich herausschrie. Insgesamt  gesehen war  dieses  "You've Lost That  Lovin'  Feeling"  eine tolle Nummer,   bei  der  einfach alles stimmte.   Die  "Sweet  Inspirations" hatten hier  einen fantastischen Background-Part.  Das Orchester,   von vielen Elvis-Fans  verschmäht,   gab  gerade  diesem Lied  erst die richtige Fülle. Ernst Jörgensen hat  übrigens  einmal  erzählt,   dass  es  von  "You've Lost That Lovin'     Feeling"  eine äußerst  amüsante Probeversion vom 24.7.70 gibt, während der  Elvis  den Gesangsstil  der Originalinterpreten,   der Rightous Brothers,    imitiert  und  gegen Ende dann völlig  ausflippt und alles nur noch in Mickey Mouse Tonlage  singt.   Sie werden es kaum glauben,   aber diese Version hätte ich gerne in meiner  Sammlung.   Sie auch?  Na,   dann sind wir ja schon zwei! Das Lied  endete,  wie  es  begann,   ruhig und  schwerfällig.  Die  "Sweet Inspirations"  hauchten mehrfach ihr  "Bring  back  that  lovin'   feeling" ins Mikrofon,   das Lied wurde immer   ruhiger und  schließlich gab er mit einem leisen  "Oh,   Lord"  das Ende  zu verstehen. Das  Orchester  schloss mit einem dramatischen  "daaaa" ab und  beendete damit  ein perfektes Lied.  Es war unglaublich.  Jedes  dieser Lieder,   die Elvis  in  dieser  Zeit auf der Bühne sang,  hätte an Perfektion locker an eine Plattenversion herangereicht. Und  das  schien ihm noch nicht  einmal Mühe  bereitet  zu haben. In den Applaus hinein bedankte sich Elvis mit  einem erneute  "Thank you very much"  und  zur Band hin flüsterte  er  leise  "Polk Salad Annie" Seine heutige Version dauerte nicht  ganz  fünf Minuten. Das war  zwar bei weitem kein Rekord,   aber  trotzdem steckte  "Polk Salad" auch heute voller Action. Mittendrin begann er übrigens mit  dem Army-Count: "..cause her mama was workin' on a  chain gang hutt two three  four hutt  two  three four hutt hutt two  three four. .1  learned  that  in  the army..that's how we  did  it..hutt two  three  four hutt  two  three four  heeeeeeee".   Nach diesem lang gezogenen 'heee'   rastete die Band  und  auch Elvis  vollkommen aus.  Alles wurde immer schriller.   Die Trompeten des Orchesters spielten  Gänsehaut bereitende Töne und Elvis  stieß dazu die Hände  durch die Luft.   Immer stärker  begann sein Körper zu  vibrieren,   bis  er  plötzlich wieder  zur Besinnung  fand und mit einem  'hey,   hey,   hey'   das  Chaos  zum Erliegen brachte.   Innerhalb von Sekunden wechselte der Showroom von absolutem Lärm zu einer gespenstischen Stille.  Elvis  stand wie  erstarrt und  tat  gar nichts mehr.  Erst  langsam erholten sich  einige Fans von der  plötzlichen  Stimmungsänderung.   Schreie von begeisterten Mädchen durchzuckten  den Saal.   Elvis nahm das  grinsend wahr und kommentierte:"Da muss wohl  irgendwo  eine Katze  sein und jemand scheint auf  ihrem Schwanz zu stehen miääääuu".   Elvis  stand noch für einen Moment still.  Dann  gab  er  der Band wieder  das Zeichen  zum Einsatz.  Jerry Scheffs dumpfer Bass  begann.   Dann  gab Elvis  den   'Sweet  Inspirations'   den Befehl mit ihrem  'schikboum'   einzusetzen und  schon holte  Elvis zum großen Finale aus. Zuerst nur  leise sang  er  "Suck a  little Polk Salad..".   Und  nach jeder Textzeile  stieß  er  die Arme wie  einen Hammer  nach  vorne.  Und  je wilder er wurde,   desto  lauter  spielte  das  Orchester,   bis  der  gesamte  Showroom wieder  im Rausch  von Lärm    und  Elvis'   fantastischen Bewegungen  versank. Mit einem Sprung  durch  die  Luft  setzten  Elvis  dem Schauspiel  schließlich ein Ende.

 

"Thank  you.   You're a  good audience.  You're a  very,   very  good audience. Thank  you. Fantastic". Ein Fan rief  durch  den  Saal: "Heartbreak Hotel". Doch Elvis  erwiderte:"Nein das  ist  hier   nur  das   'International'".  Für  eine  halbe  Minute  verlor sich Elvis  dann am Bühnenrand,  wo  ihm Fans Tücher  und Geschenke  reichten:"Was ist  das  Honey?  Oh!   Es  ist  keine Windel,   richtig?  Ist  das  von  dir?  Wer hat das  gemacht?  All  right.   Bevor  ich  nun weitermache,   möchte  ich jetzt die Mitglieder  meiner Gruppe  vorstellen Ladys &  Gentlemen.  Charlie,   das ist Jerry  (Gelächter  des  Publikums).   Zuerst  also  die  alten Ladys..ah  die jungen Ladys,   die  unsere  Show heute  Abend  eröffnet haben,   schie machen sie machen  schie wawa hähä...nun hast  du  schon  so  eine  großes Mundwerk und kannst  doch nicht richtig  reden.  Äh,   die   'Sweet  Inspirations'   Ladys & Gentlemen.  Die Gentlemen im Hintergrund  sind  die Ehemänner  der   'Sweet Inspirations.   Sie  gehören  zur  Nr.   1  Männer-Gospelgruppe  des Landes Ladys & Gentlemen,   es  sind  die  Imperialis'. Die junge  Lady,   die  im Hintergrund  die hohen Parts  singt, ist  Kathy Westmoreland..Kathy.  Mein Lieblings-Gitarrist  an  der  Lead Gitarre ist Chuck Berry".   Klar,   dass diesem Satz  die Aufforderung  zu  "Johnny B.   Goode" folgen musste.  Und  obwohl  dieses  Lied  einfach so  in  die Bandvorstellung eingeschoben wurde,   bildete  es  doch  ein wahres  Highlight  dieser  frühen 70er Shows.  James  Burton  bewies während  diesem Titel,   dass  er  ein Meister seines Faches war.   Das  fetzige  Intro,   das  tolle Solo mittendrin..alles war hier Rock  'n‘  Roll  vom Feinsten.  Und  Elvis  setzte  noch das Tüpfelchen auf das i.

 

"Das war James Burton Ladys & Gentlemen",   lobte Elvis  dann den einzigen Musiker  seiner  Band,   der während  der Bandvorstellung  sein Können mit einem Lied  unter  Beweis stellen durfte.   Doch das war  noch nicht  alles. Grinsend stellte  sich Elvis  vor James  und  begann  zu singen:"Happy  birthday  to you. Happy  birthday  to you.  Happy  birthday  dear James..happy  birthday tohuhuhu youuuu".  Mit  einem bluesigen Ende,   einem Lachen im Gesicht  und einem lockeren:"Happy  birthday,   James",   wandte  sich Elvis  dann  einem anderen Bandmitglied  zu:"Der junge Mann an  der Rhythmus-Gitarre,   er macht Platten bei  RCA Victor,   sein Name ist  John Wilkinson. John! Er  ist  auch einer meiner  engsten Freunde.   Der jungen Mann am Schlagzeug,   sein Name  ist Ronnie Tutt.  Am Fender Bass ist  Jerry  Scheff.   So,   er  ist  Tutt  und  er  ist Scheff. Das Ergebnis  ist Tutt  Scheff.   Egal wie man  es nimmt  (Es  dürfte  sich bei diesem Wortspiel  eventuell  um eine  Verballhornung  des amerikanischen Kraft Ausdrucks   'tough Shit'   handeln).   Der jungen Mann am Piano..(Elvis nimmt einen kräftigen Schluck   'Gatorade')..erhebe  dich für   'Gatorade' Glen... weißt  du?  Schschüü..oh..Entschuldigung.   Ich dachte,   ich wäre hinter der Bühne.  Dieses Zeug  (Gatorade)   funktioniert  nicht,   Mann.   Ich möchte wissen, wer  so was herstellt.  Nun,   ich  glaube Gator  stellt  es wahrscheinlich her. Der junge Mann  am Piano,   er  arrangiert  eine Menge meiner  Songs..sein Name ist  Glen Hardin,   Glen.  Der Junge,   der hier  oben Harmony  zu  vielen meiner Songs  singt.  Er  ist  schon seit  langer Zeit  mein Freund..sein Name ist Charlie Hodge,   Charlie.   Der  Dirigent  unseres  Orchesters  Ladys & Gentlemen ..sein Name  ist Mr.   Joe Guercio,   Joe.   Das  Joe Guercio Orchester  Ladys & Gentlemen.  Year.   Und  Eddy Kessel  an den Grahampauken..ah..Eddy Graham an den Kesselpauken.

 

Da  sind  ein  paar  Leute  im Publikum,   denen  ich  gerne   'hallo'   sagen möchte. Hallo  einige  Leute  im Publikum.   Wie  geht  es  euch  (mit  piepsiger Stimme). Nein,   nein,   nein,   nein.   Bring'   mich jetzt  nicht   durcheinander Honey. Setz' dich  bitte wieder  dort  drüben hin.   Ich muss nämlich  noch 'Happy Birthday'   für  James  Burton  singen.   Happy  birthday  to  you..oh  nein, das hatten wir ja  schon  gebracht.   Im Publikum Ladys & Gentlemen, befindet sich ein  großartiger  Songwriter  und  ein unglaublicher  Performer.   Er ist ein unglaublich netter Kerl.  Er  schrieb   'Sweet  Caroline',   er schrieb 'Holly Holy'..ich möchte  gerne Neil  Diamond  hallo  sagen. Neil! Während  das  Publikum begeistert  Beifall  klatschte,   rügte  Elvis  den überraschten Lamar  Fike,   der  die Herrschaft  über  das  Spotlight  an  der Decke hatte:"Haben sie dich endlich mit  dem Spotlight  gefunden,   Neil? Danke, dass  du hergekommen bist.   Danke.   Danke,   dass  du hergekommen bist". Kurz entschlossen wollte  Elvis  seinen Kollegen  dann mit  einer Showeinlage ehren.   Er  drehte sich  zur Band  und  fragte:"Holly Holy"? Kaum hörbar  begann er  darauf hin  die ersten Worte  des  Liedes  zu singen. Aber  nach  einem kläglichen:   "Holly,   Holly Holy.."  stellte Elvis fest, dass er  die Band mit  dieser  spontanen Einlage  dann  doch  etwas überforderte. Lediglich Glen Hardin am Klavier  suchte  verzweifelt  nach  ein  paar passenden Tönen.   Aber  das  brachte alles  nichts.   Nach  zwei  Sekunden war  die Sache  vergessen.   Jemand  im Publikum fragte,   ob  Neil  Diamond  das  Lied jetzt nicht mal  singen könnte.   Doch Elvis wusste wie  es war,  wenn man privat ein wenig  Spaß  haben wollte  und  trotzdem ständig  von Mitmenschen mit Songwünschen überschüttet wird.   Seine Antwort war  also  klar: "Nein,   er, er kam her,   um die  Show zu  genießen Leute.   Er  kam her,   um die  Show zu sehen. Er  arbeitet jetzt  nicht.  Was  ich jetzt  tun möchte..ich möchte  gerne meiner  ah..meiner  Großmutter hallo  sagen.   Sie  ist  78 Jahre alt und  das ist das  erste Mal,   dass  sie mich auf  der Bühne  sieht.  Mein  ganzes  Leben lang war  sie  immer  bei mir.   Sie  ist  im Publikum..hallo Großmutter  (Applaus des Publikums  für   'Dodger').   Ich möchte jetzt  gerne  ein  paar  der  Songs bringen,   die mich  gemacht  haben.  Alle  428.   Das wird  eine  Zeit  lang dauern. Also holt  schon mal  euer  Gatorade heraus.   Ich  hab'   eine Veröffentlichung, die dieses Jahr herauskam.  Das war  ein alter  Song,   aber  ich hatte einen recht  guten Erfolg damit.  Und  der  ging so".

 

Das Orchester  spielte  das  furiose  Intro  zu  "The Wonder Of You". Elvis hatte Recht.  Elvis  brachte heute  wieder  den absichtlichen Versprecher  "You  give me hope and  constip..consolation"  in  den Text ein, was  soviel  hieß wie  "Du  gibst mir Hoffnung  und  eine Verstopfung". In den Beifall  für  "The Wonder Of You"  hinein  bedankte  sich Elvis "Thank you.  Thank  you  very much".  Und sobald  der  Applaus  .etwas  verklungen war, hauchte  er  ein   bluesiges   "Wellll"  ins Mikrofon.   Er  schlug den linken Arm in die Höhe,   als wolle er  gerade mit  einem wilden Rocksong beginnen. Doch er  hielt  inne,   schaute  plötzlich fragend  in  die Menge und kommentierte:"Ich habe  so  viele  Songs  gemacht,   die  so  beginnen,   dass  ich wirklich nicht mehr weiß,  welchen davon ich jetzt  eigentlich bringen wollte. Welll.  Damit  kann man alles  anfangen,  wissen sie". Elvis entschied  sich dann für  "Well  since my  baby  left  me,   I've  found a new place  to  dwell...ihr  spielt  das  zu langsam Männer.   Ich,   ich, ich singe nicht  zu langsam.   Ihr  spielt  zu langsam.   Gebt mir  nicht  die Schuld. Ich arbeite hier  nur  (Gelächter  des Publikums).   Du warst  sehr  gut vorhin bei   'Johnny B.   Goode'   James.  Aber  seit  ich dann   'Happy  Birthday' für dich gesungen habe,   bist  du total  abgehoben.   'Happy  Birthday'   kann der Kerl übrigens  spielen,   möchte wissen,   wie  er  das     zusammenkriegt. Well well what  Lord,   well  haha..well  ha  since my  baby  left me".   Halb lachend und  irgendwie  so  gar  nicht  bei  der  Sache,begann Elvis  also  erneut. Und da die Band  darauf  gar  nicht  vorbereitet war,   verpasste  Ronnie Tutt seine zwei  Trommelschläge  nach der  ersten Textzeile.   Lachend  drehte sich Elvis  zu  dem Sündenbock um:"Das war jetzt  zu  schnell Mann.   Du  hast wohl inzwischen  dein Gatorade  getrunken,   was  Ronnie"!   Sofort  startete unter dem Gelächter  des  Publikums  der  dritte Take  von  "Heartbreak Hotel" und der  ging  schließlich auch durch.   Elvis  ging  in eine Ecke  der Bühne und kommentierte  zwischen  zwei Textzeilen: "Hier  drüben kann  ich  euch nicht hören.   Ihr  könnt also machen,   was  ihr wollt".  Einige Zeilen später, störte  ihn  etwas an  seiner Bühnenkleidung  und mitten im Lied  rief er plötzlich:"Ich zieh'   die Dinger jetzt  aus. Die können sie an die Pferde verfüttern".

 

Gegen Ende  des Liedes wollte  er  einen Gag machen,   den er  immer während den Proben zu bringen  pflegte.  Er änderte nämlich den Text  in  "you'll be so horny  you could  die".  Doch er  überlegte  es  sich im letzten Moment doch noch und wandelte das  ganze  in ein verschlucktes   'corny'   anstatt 'horny' u . Das Publikum schrie  auf,   als Elvis  direkt  von  "Heartbreak Hotel"  zu "One Night"  überging.  Auch hier  gab  es wieder Textänderungen wie  "the things that we  two  could  plan,  would make my jeans  turn blue". Die Zeile "Just call my name",  würzte  er mit  einem schrillen  "Elllviiss"-Ruf.  Aber es gab auch diese  vielen kleinen,   versteckten Kommentare.   So  zum Beispiel als er  die Zeile  "I ain't  never  did  no wrong"  sang,   schob  er noch ein spitzbübiges  "..much"  hinterher  ("Ich habe nie etwas  falsches  getan..jedenfalls  nicht viel").

 

Der nächste Oldie  folgte auf dem Fuße: "Hmmm..sehen sie?  Weeell..da ist es wieder".   Sofort  nach dem letzten Wort stieg Elvis  voll  in  "All Shook Up"  ein.  Aber nur,   um sofort  nach der  ersten Textzeile wieder  zu stoppen! Es war  ein Gag,   den Elvis  in dieser Zeit  desöfteren brachte,   um die Band zu ärgern.   Die Jungs wussten nie,   ob Elvis an  dieser  Stelle in der Show "All  Shook Up",   oder  alternativ  dazu  "Blue  Suede Shoes"  singen würde. Er ließ die Band  immer auflaufen,   indem er  urplötzlich mit  einem der beiden Lieder  begann.  Auch heute konnte  die Band  nicht  folgen und verpasste ein wenig den Einsatz.  Also,   stop  nach der ersten Zeile.   Ein erneutes "Weell" und schon ging  es wieder  los.   Dieses Mal war  es  "Blues  Suede Shoes". Aber auch  das unterbrach Elvis  nach einer Zeile,   um sich kurz über die Band  lustig  zu machen.   Dann  begann er  erneut mit  "Blue Suede  Shoes". Und dieses Mal  ging  es durch!  Während  dem "Blue,   blue,   blue  suede  shoes, blue blue,   blue  suede shoes baby" Teil  sang er mit  zittriger, vibrierender Schluckauf-Stimme.  Es war  ein Erlebnis,  wie  er selbst  seine alten Songs mit Energie  und Würze  vollstopfte.  Dass  er mitten im Song  sogar noch eine Strophe  von  "Whole Lotta Shakin'  Going On"  unterbrachte,   fiel  vor lauter Rock 'n' Roll Fieber wohl nur  den wenigsten auf. "Ich habe dann..ah..kann ich ein wenig Wasser haben?"  (Albert kurz mit Charlie herum,   der ihm das Wasserglas  reicht).   "Ah,   und  zur  selben Zeit, in der all  diese Songs entstanden sind,  nahm ich auch ein Lied auf..dazu muss man  sich so hinstellen,   um es überhaupt  singen zu können". Elvis stellte sich breitbeinig auf  die Bühne  und  beugte  dazu noch den Oberkörper  zur  Seite.  Es sah aus,   als  ob er  gleich nach vorne umfallen würde.   "Du kannst  dieses Lied  einfach nicht  singen,  wenn  du geradestehst, denn dann haut  es dir  die  ganzen Gänge raus.  Viele  nennen es  einen Kolbenfresser.  Es handelt  sich um eine Ballade.  Und wie  das  bei Love songs eben ist,   schaut man dabei  in  das Gesicht  eines Mädchens..pfeiff nicht Honey,   pfeiff nicht.   Das wäre  falsch.   Du schaust  also..bleib  locker. Du schaust  also  in ihr Gesicht  und sagst..". In diesem Augenblick schrie Elvis  ein "Youuu ainn't"!!!   ins Mikrofon, dass der  ganze  Saal  zusammenzuckte.   "Das bläst  ihr  die Haare geradewegs nach hinten",   ergänzte er,   sichtlich amüsiert  über  den  Schrecken,   den er dem Publikum mit  seinem Schrei  eingeflößt hatte.   "Das Mädchen wird dann sofort abhauen,  weil  sie denkt,   du wärst  verrückt.  Also,  wie auch immer. Yooouuuuu!   Chchchrr  genau du da.   Youu  (piepsig)...ain"t  (genauso piepsig ).. nothin'   (fast  erstickend  schüchtern)..YOUUU..oh,   was  ist  denn das (Schaut  auf  das  lange Ding,   das  vorne an seiner Hose  herunterbaumelt) Ach,   das  ist mein Gürtel  (Starkes Gelächter  des Publikums).   Ich dachte schon,   ich hätte alles  rausgeworfen  (Applaus  des Publikums.  Elvis redet sich in Form)  Wie auch immer..youuuuuuu..ha ha ha..youuuuuu..youuuuu ain't nothing but  a hound dog.."!

 

"Ah,  wir möchten jetzt gerne..soweit  das möglich ist..für  eine Minute  ernst bleiben". Diese Ansage konnte für  die Band  nur  eins  bedeuten.   Leise und gefühlvoll begann Glen Hardin das  Intro  zu  "Bridge  Over Troubled Water" zu spielen. Was  für ein Kontrast!   Dieses Beispiel  zeigt  sehr  gut,  welchen Strudel an Gefühlen man als Zuschauer  einer Elvis-Show durchleben musste. Von lustigen Einlagen,   über  seriöse  Songs,   bis hin zu actiongeladenen Songs. Und  das alles innerhalb  von Minuten. "Bridge" war heute wieder hervorragend.   Die Zeile  "I'm sailing right behind.."  sang  er  nicht  so glatt  durch,   aber  ansonsten ein perfektes Lied.  Und was mich an  diesen Las  Vegas  Shows  so  fasziniert  ist,   dass Elvis  grandiose Versionen bringen konnte,   die  bei  einer Veröffentlichung eventuell Musikgeschichte  geschrieben hätten,   und  trotzdem gibt  es gerade mal mäßigen Beifall.  Aber  so war das hier  in Vegas  eben oftmals. Und  so hielt  sich Elvis nach  "Bridge Over  Troubled Water"  gar nicht erst lange auf und  begann in den verhaltenen Applaus hinein sofort mit "Suspicious Minds". Fast  sechs Minuten  dauerte das  Spektakel heute.  Elvis hatte eine wahre Bühnenshow zu diesem noch einigermaßen frischen Superhit inszeniert.  Die  Single hatte sich fantastisch  verkauft.  Und mit diesem Trumpf in der Hinterhand, wollte  er  dem Publikum am Ende der  Show noch einmal  richtig einheizen.    Es war  unglaublich,  wie  lange er mit einer einzigen Textzeile mehr als  2.000 Menschen unterhalten konnte. "We're caught  in a  trap,   I can't walk out,   because I  love  you  too much baby". Diese Worte sang  er  immer und  immer wieder.  Mal  langsam,   fast flüsternd und  dann wieder wild  und ungezähmt.  Mal  saß  er  bei  diesem Satz im Spagat auf  der Bühne,  mal  hämmerte er  dabei wild mit  den Armen durch die Luft. Elvis Presley war zu  dieser Zeit  einfach Dynamit.  Und wenn er  in einer ruhigeren Passage wieder  einmal  im Spagat  nahe  des Bühnenrandes  saß, warfen ihm die Fans ihre Geschenke  zu und  er  hatte immer noch Luft  für ein nettes  "Thank you,  Honey" zwischen zwei Worten.

 

Das Ende der  Show war  gekommen.  Etwas über  60 Minuten war Elvis jetzt auf  der Bühne  gewesen.  Er  bedankte  sich kurz  beim Publikum und  schon begann  "Can't  Help Falling In Love",   der Abschlusssong  der  Show.  Und als sich am Ende des Liedes  der  goldene Bühnenvorhang  senkte,   hatte Elvis ein weiteres Kapitel  der Musikgeschichte geschrieben.

 

 


 

 

 

 

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