Mobile, Alabama Montag, 14. September 1970, Municipal Auditorium, 10,800 Zuschauer

 

Montag, 14. September 1970

 

 „Die gesamte bevorstehende Tour ist ausverkauft“.

Am 14. September, kam Elvis gegen 16:00 Uhr in Mobile, Alabama an. Er begab sich mit ca. 30 weiteren Personen seines ‚Anhanges’ direkt zum Admiral Simms Hotel, wo er sich bis zum Beginn der Show um 20:30 Uhr aufhielt. 

Die Show begann mit “That´s All Right” und es war die Hölle! Elvis rockte durch den Eröffnungssong wie in den alten Tagen, als der Rock ’n’ Roll ihn an die Spitze des Showbuissines katapultierte. Das Publikum war außer sich. So hatte man sich einen Elvis Auftritt vorgestellt. Elvis ließ den Applaus nur einen Atemzug lang auf sich wirken und rockte sofort mit „I Got A Woman“ weiter. Am Ende ging er zu einigen Zeilen des Kirchenliedes „Amen“ über. Aber nach vier Amen war Schluß. Das fünfte überließ er mit den Worten „It´s yours“ den Sweet Inspirations. Und eine letzte, bissig gesungene Zeile von „I Got A Woman“ beendete den Einstieg in diese furiose, einstündige Show. „Guten Abend. Mein Name ist Johnny Cash. (Singt mit Begleitung der Band den Johnny Cash Titel “I Walk The Line” für fünf Sekunden an). Ich wollte nur sagen, dass es eine Freude ist hier in Birmingham sein zu dürfen“.

 

Das Publikum raste vor Amüsement über diesen Gag und jeder kapierte sofort, dass Elvis die Zuschauer nur hochnehmen wollte. Er korrigierte sich auch sofort:  „..in Mobile. Ich bin schon 1957 hier in Mobile aufgetreten...zu einer Zeit, in der Tom Jones gerade mal lernte was er zu tun hatte. Beruhigt euch....mein erster Film....Titelsong ging so“. Die Band begann mit „Love Me Tender“. Doch schon nach zwei Takten hob Elvis die Hand und die Musik erstarb: „Ja, so ging er. Geradewegs den Berg runter“. Doch in das Gelächter des Publikums hinein startete Elvis natürlich eine zweite, diesmal komplette Version des Klassikers. Die Menge war nicht zu beruhigen. Selbst nach drei Liedern waren die Fans so aufgebracht, als wäre Elvis gerade erst auf der Bühne erschienen. „Ich möchte ihnen sagen, dass ich eine neue Schallplatte draußen habe die ‚I´ve Lost You’ heißt. Die Band begann sofort mit dem Intro. Eine Frau am Bühnenrand machte Elvis derweil mit eindeutigen Angeboten auf sich aufmerksam. Aber Elvis stellte sie mit einem „Später Liebling“ ruhig bevor er zu singen begann. Die Frau ließ ihm auch während des Songs keine Ruhe und erneut sprach er sie zwischen zwei Zeilen kurz an. Elvis genoss den Applaus erneut nur für Sekunden. „Sie sind ein sehr gutes Publikum“, meinte er zufrieden. Dann drehte er sich zur Band und knurrte ein ultracooles, tiefes „I´ve Lost..“ ins Mikro.  Das zaghafte Intro begann und wurde praktisch weggeschwemmt vom frenetischen Aufschrei der Menge. Während den sich wiederholenden „Whow, whow, whow“ am Ende tat er so, als ob er immer schläfriger werden würde. Aber dann setzte die Band ein und mit einem Karateschlag durch die Luft brachte er das Lied zu Ende. Und von richtiger Schläfrigkeit konnte man bei dieser Show wirklich nicht ausgehen, denn der nächste Fetzer stand bevor. Nach einem einfachen „Thank you very much“ folgte.....“Polk Salad Annie“!  Die Band begann und Elvis sprach regungslos: „Ich weiß immer noch nicht genau was uns der nachfolgende Song eigentlich sagen will, aber er handelt von einer Pflanze die hier unten wächst. Sie sieht wie eine grüne Mohrrübe aus und man nennt sie Polk Salad...“. Was sich nach dieser nüchternen Vorrede auf der Bühne abspielte, war unglaublich. „So that´s POLK (Ein Ruck ging durch Elvis. Ein Schlagzeugdonner durchzuckte die Halle) SALAD (Es durchzuckte Elvis doppelt und ein doppelter Schlagzeugdonner ließ die Luft erzittern)....“. „Jones“, rief er während einem der aggressiven Drum-Soli, die das gesamte Lied durchzogen, und imitierte dabei die Gestik seines befreundeten Kollegen.  „Humperding“ ergänzte er und ahmte die seichten Bewegungen des Schnulzen-Sängers nach, während er die erste Zeile des Liedes „Please Release Me“ sang und kommentierte: „Und dabei schaut er immer drein, als hätte er gerade eins auf den Mund bekommen“.

 

Dann kam er zur wilden Gestik von Glen Campell und schrie ein wildes: „Hot damn Jones“ aus sich heraus. Dann stürzte das musikalische Chaos über Elvis herein. Das Schlagzeug wirbelte. Trompeten krächzten, und Baß-Gitarren dröhnten durch den völlig verrückt anmutenden Soundteppich. Und mitten drin Elvis, an dem jeder einzelne Muskel zu zucken schien. Mit einem letzten Aufschrei der Trompeten und einem gefährlich anmutenden Karate-Sprung beendete Elvis das Lied. Außenstehende können diese chaotischen vier Minuten kaum einordnen. Aber mein Gott, laß´ mich nur einmal noch gerade diese vier Minuten erleben.    Wäre die Show nach diesen etwas mehr als 20 Minuten zu Ende gewesen; keiner hätte es bereut hier her gekommen zu sein. Doch Elvis stellte klar: „Wir werden noch ein paar Songs singen. Aber lasst mich bitte noch eine Weile hier stehen und ausruhen“. „Bevor wir jetzt weitermachen möchte ich ihnen gerne die Mitglieder meiner Band vorstellen. Dies sind hier alle sehr gute...“. Ein Mädchen lenkte Elvis ab und er unterbrach die Bandvorstellung. Ich weiß nicht was da vorging, aber die Zuschauer schrien auf wegen dem, was da an der Bühne vor sich ging. Dann begann Elvis ein zweites Mal mit der Bandvorstellung. Und er wurde wieder unterbrochen. „All die Leute hier auf der Bühne...nun wartet mal eine Minute...wirklich...all die Leute hier auf der Bühne sind herausragende Musiker. Eigentlich die besten auf ihrem Gebiet. Ich möchte gerne den Sweet Inspirations hallo sagen. Girls. Die Jungs dahinter sind die Hugh Jarrett Singers. Die junge Frau mit der hohen Stimme ist Kathy Westmoreland. Ihr Vater war ein General. An der Lead-Gitarre ist mein Lieblings-Gitarrespieler; James Burton“. Und mit tiefer Stimme ergänzte er: „Let´s go down to Louisiana James“. James wusste was Elvis mit diesen Worten meinte. Es war Elvis´ Signal für „Johnny B. Goode“. Und James gab Elvis was er verlangte. Er schlug das Intro des Chuck Berry Songs in die Saiten und das Publikum verfiel in ein wahres Rock-Trauma. Ein Wunder eigentlich, dass es bei diesen 70er Tour-Konzerten von Elvis keine Saal-Verwüstungen gab, wie es in den 50er Jahren desöfteren vorkam. Hier in Mobile fehlte jedenfalls nicht mehr viel dazu. Elvis jagte durch den Song, angetrieben vom peitschenden Sound der Gitarre. Und während den instrumentalen Breaks heizte er wiederum James Burton an. Man hörte Elvis nach dem Lied vor Beifall kaum, aber er machte weiter mit der Vorstellung der Musiker: „Whow, James Burton. An der Rhythmus-Gitarre ist Mister John Wilkinson...John. Am Schlagzeug... whow....am Schlagzeug ist....ist Mister Ronnie Tutt. Year. Am Fender Baß ist Jerry Scheff. Das ist also Tutt Scheff egal, wie man es auch sieht. Neben dem Ständer mit den Getränken hatte Elvis immer noch die kleine Kinder-Gitarre liegen, die er auch in TTWII benutzt hatte: „Als ich in diesem Geschäft anfing, war ich noch sehr klein. Ich hatte diese kleine, niedliche Gitarre hier. Ich hatte kleine, niedliche Kotletten und ich hatte ein zuckendes Bein. Hier am Piano ist übrigens ein Mann, der fantastische Arrangements für mich schreibt, Glen Hardin. Ich liebe dich auch Schätzchen. Wir sind noch nicht durch; wir bringen noch mindestens 400 weitere Songs.  Der Kerl, der Harmonie mit mir singt..er ist aus (Charly Hodge macht einen gestischen Witz und das Publikum reagiert mit lautem Gelächter)....Er ist aus Dekatur, Alabama. Ich traf ihn während ich in der Army war (Lauter Beifall des Publikums)...sein Name ist Charlie Hodge. Dein geliebter Vater ist irgendwo da draußen. Sag´ ihm kurz hallo Charlie. Außerdem möchte ich Miss Jane Morgan begrüßen. Bis du irgendwo da Honey? Hey Jane? Wo bist du? Wo, wo, wo? Hallo. Der Dirigent unseres Orchesters. Er kam mit uns aus dem International Hotel in Las Vegas...sein Name ist Joe Guercio...Joe. Und der Typ an der Beat-Trompete, das ist der irre blonde hier. Er heißt Tony Bureau. Tony, steh´ kurz auf. Wie heißt deine Band..? Nun, ich habe letztes Jahr eine Platte herausgebracht, die recht groß raus kam. Etwa so groß....! Naja, sie war eigentlich nicht viel größer als all die anderen...wirklich...aber es hört sich immer beeindruckend an“. Elvis wollte gerade anfangen zu singen, als jemand „Hound Dog“ brüllte. Das brachte ihn gleich beim ersten Ton völlig durcheinander und ein jaulender Ton war das Ergebnis: „Wir bringen sie alle. Ruft mir nichts zu. Wir bringen ohnehin alle 428 bevor die Show vorbei ist (Lauter Jubel des Publikums). Gatorade wird uns dabei helfen. O.k.“. Dieses „O.k.“ war der Startschuss zu „The Wonder Of You“.  Der Jubel der Fans ließ Elvis sofort wissen, dass sie die Platte zu Hause hatten. Da bestand kein Zweifel; „The Wonder Of You“ war ein Publikumsliebling.

 

Ein lockeres „Take it on“ zur Band leitete eine kleine Rarität für diese Tour ein. Anstatt nämlich mit „Heartbreak Hotel“ und anderen Oldies weiterzumachen, stand heute erst noch „In The Ghetto“ auf dem Programm. Das erste Viertel bekam er dann spontan ja auch noch gut hin. Aber dann wurde er immer unsicherer. Erst veralberte er die Situation, indem er den Text wie schon am Tag zuvor in Tampa mutwillig änderte (And a running little boy with a hungry nose; Und ein rennender kleiner Junge mit hungriger Nase..). Aber irgendwann ging es nicht mehr weiter. Zwischen zwei Zeilen fragte er: „Haben wir den Text zu dem Lied“? Und plötzlich fing er über die peinliche Situation tierisch an zu lachen. Von seinem Lachanfall erholt, fragte er erneut nach dem Text und irgendwann fing er sich auch wieder „In 1956 machten wir einen Song namens Heartbreak Hotel. Damals war ich noch ein Baby...mit Windeln..und kleinen, niedlichen Kotletten. Weeeellll, well, well, well, well, well, well, well. Sie haben keine Ahnung was ich jetzt mache, stimmt´s? Sehen sie, die Jungs hier oben wissen jetzt nicht, was sie machen sollen, denn ich könnte jetzt etwa 400 Songs singen, die alle mit weeeeellll anfangen. Und dann sitzen sie alle da und Burton fragt hektisch ‚Was wird er jetzt tun, was wird er jetzt tun’“. 

 

Elvis spannte die Band dann mit ein paar weiteren bluesig, kunstvoll gesungenen „Wells“ auf die Folter; begann dann aber doch wie angekündigt mit „Heartbreak Hotel“. Es folgten weitere Oldie-Klassiker wie „Blue Suede Shoes“, (Elvis passte den Text an, in dem er einmal „White Suede Shoes“ sang). Er dehnte „Blue Suede Shoes“ dann noch zum Medley mit „Whole Lotta Shakin´ Going On“ und „All Shook Up“ aus. Auch der nächste Oldie war nicht gerade alltäglich während dieser Tour. Es war „Don´t Be Cruel“. Elvis sang es heute seltenerweise als Einzellied und nicht etwa, wie gewohnt, im Medley mit „Teddy Bear“ oder anderen Oldies. Das Publikum war nervlich schon längst am Ende, als Elvis endlich mit „Hound Dog“ begann. „Hound Dog“ war durchzogen von den Begeisterungsschreien der tausenden Fans, die das Glück hatten dabei sein zu dürfen. Es waren genug Oldies. Aktuellere Sachen waren jetzt an der Reihe. Und mit den Worten: „Lassen sie mich für eine Minute etwas ernster werden“, versuchte Elvis das Publikum wieder etwas in die Schranken zu verweisen. „Ich möchte gerne einen wunderschönen Titel namens Bridge Over Troubled Water singen“. Und Glen am Piano spielte sofort das Intro zum Song. Das Publikum wusste sich zu benehmen. Langsam wurde es ruhiger und Elvis verzauberte die Halle mit einem wunderschönen Vortrag des weltberühmten Simon & Garfunkel Songs, den er mit seiner samtweichen und doch so mächtigen Stimme zu einem seiner Lieder gemacht hatte. Ohne Pause ging es weiter mit „Suspicious Minds“, einem Song mit fantastischer Bühnenshow Fast genau fünf Minuten lang zog er das jubelnde Publikum mit diesem Chartbreaker in seinen Bann. Das Ende der Show war fast erreicht und es wurde Zeit, um noch einen Song aus seinem relativ neuen Album „Elvis Country“ zu bringen, das in der Show bisher viel zu wenig beworben wurde. Die Wahl fiel auf „Funny, How Time Slips Away“. Er sang ihn relativ gerade durch, obwohl er doch extrem viel mit dem Frauen am Bühnenrand beschäftigt war. Das Ende einer fast genau einstündigen Super-Show war gekommen: „Danke. Von Blue Hawaii Ladies & Getleman. Sie waren wirklich ein tolles Publikum hier in Mobile. Es hat Spaß gemacht für sie zu arbeiten. Speziell für sie..aus Blue Hawaii...“. Das waren die letzten Worte von Elvis an diesem wunderbaren Abend.

 

 


 

 

 

 

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